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Rauschdichten – Spoken Word, Slam Poetry & Kabarett

Von nun an macht man sich am letzten Sonntag im Monat gemütlich auf den Weg in die heimelige Bieler Altstadt, lässt sich im St. Gervais kulinarisch verwöhnen und geht danach ans Rauschdichten im Le Singe. Dort treffen Spoken Word, Poetry Slam, Kabarett, Lesung und Improvisation aufeinander und bieten dem Publikum einen unterhaltsamen Wochenendausklang.

Wie funktioniert Rauschdichten?

Vor der Pause wird einer der Auftretenden ausgelost. Sein Auftrag: Zu fünf Begriffen, die ihm das Publikum nennt, im Eiltempo einen Text schreiben und ihn noch am selben Abend vortragen. Sein Werkzeug: 30 Minuten Zeit und eine Flasche Wein – eine höchst vielversprechende Kombination! Das literarische Ad-Hoc-Vergnügen mit Rotwein-Note wird durch einen Special Guest komplettiert. In der ersten Durchführung am 28. Februar ist das Rapper Greis.

Zum Rauschdichten laden Renato Kaiser (Poetry-Slam-Schweizermeister 2012), Christoph Simon (doppelter und amtierender Poetry Slam Schweizermeister 2014/2015) und Sam Hofacher (Slam Poet) ein, als Organisator fungiert der Verein „Spoken Word Biel“. Tina Messer, Präsidentin von „Spoken Word Biel“, erzählt gegenüber Bienneout, wie das Format entstanden ist und warum es höchste Zeit sei, in Biel eine Spoken-Word-Lesebühne anzubieten.

30 Minuten und eine Flasche Rotwein

Im „Musigbistrot“ in Bern findet das Format bereits seit einigen Jahren statt. Es ist aus Tinas Sicht ein fantastisches Konzept, das den Protagonisten schon mal rauchende Köpfe beschert. Was das Berner Vorgängerformat “Tintensaufen” von Pedro Lenz, Andreas Thiel und Jürg Halter bereits im Namen trug, wird beim Rauschdichten konzeptuell aufgegriffen: Der Dichter muss sein Handwerk unter Beweis stellen, der Wein hilft ihm im Falle einer möglichen Schreibblockade.

Dichten und Alkohol gehörten schon seit dem Altertum zusammen, erklärt Tina, die beflügelnde Wirkung der Promille sei in der Literaturgeschichte immer wieder beschrieben worden. Doch auch beim Rezipienten gehört der Alkohol oft dazu, denken wir an das Cüpli bei der Vernissage, das Glas Wein im Theaterfoyer oder die Flasche Bier im Konzertsaal. Tina wagt sogar zu behaupten, Alkohol (in verträglichen Mengen) sensibilisiere den Menschen für die Künste. Und: „Mit Spoken Word und einem Glas Wein sind alle Sinneseindrücke abgedeckt“.

Spoken Word – einfach so, für das Gemüt

Bisher gab es in Biel noch keine Spoken-Word-Lesebühne, weshalb es aus Sicht der Veranstalter höchste Zeit wird, diese anzubieten. Die Schwierigkeit liege in Biel darin, dass man im Gegensatz zu anderen deutschsprachigen Städten das Problem habe, keine eigenen Slam-Autoren hervorzubringen, sagt Tina. Sie glaubt: Gäbe es aktive Bieler Poetry Slammer, bestünde schon längst eine Lesebühne für diese Kunstform. Die Nachfrage danach sei aber gross. Als Beispiel nennt sie die „Dichterschlacht“ im „Chessu“, welche vom Kulturverein „Funky Monkey Productions“ organisiert wird und zum Label “Spoken Word Biel” gehört.” „Die Dichterschlacht läuft seit Jahren enorm gut – unterdessen mit 500-600 (!) BesucherInnen, was die Veranstaltung zu einer der grössten, regelmässig stattfindende Poetry Slam der Schweiz macht.“ Die „Dichterschlacht“ findet jedoch nicht mehr als zweimal im Jahr statt, weshalb immer wieder die Bitte an Tina und ihre Mitstreiter getragen wurde, die Veranstaltung öfters zu organisieren. Oft wurde auch bemängelt, das angewendete Wettbewerbsformat sei unfair, zumal die jeweilige Bewertung auf persönlichem Geschmack beruhe. Beim Entscheid die Lesebühne Rauschdichten nach Biel zu holen habe man diese Anliegen einfliessen lassen, so Tina. Das Resultat: Einmal im Monat gibt es Spoken Word, einfach so, für’s Gemüt, ohne sich als Zuschauer für einen Poeten entscheiden zu müssen.

Gelebte Sprache im Hier und Jetzt

Was hat Tina Messer dazu gebracht, sich so intensiv im Bereich Spoken Word/Spoken Poetry zu engagieren? Sie sagt: „Das hat alles in meiner Zeit an der Kunstschule in Zürich begonnen. Dort kam ich 2005 während unserer Abschlussausstellung in Kontakt mit Slam Poetry und war sofort begeistert von dieser Art und Weise, eigene Texte vorzutragen. Aus dem Gymnasium kannte ich die klassischen Autorenlesungen. Spoken Word war anders, es war echter, die Inhalte aktueller, der Vortrag im Hier und Jetzt verankert, mit Mimik, Gestik und Kontakt zum Publikum, halt gelebte Sprache. In Zürich und St. Gallen ging ich schliesslich an die ersten richtigen Poetry Slams. Ich war Feuer und Flamme für das Wettbewerbsformat – zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, richtig gut unterhalten zu sein im Ausgang.“

Es dauerte kein Jahr, bis Tina mit ihren Bieler Freunden beschloss, einen Poetry Slam im „Chessu“ zu organisieren. Zu der Zeit veranstaltete die Clique als „Funky Monkey Productions“ bereits die Funk Party- und Konzertreihe “Funky Fresh” im Kreuz Nidau, im „Doors 72“ (heutiges „Bungalow“), in der alten Kufa und sogar im Volkshaus. Der Schritt in die Coupole war für die Gruppe logisch, die Kombination von Poetry Slam als kulturelle Abendveranstaltung mit anschliessender Party genau das, wonach sie suchten. Im September 2006 fand schliesslich die erste „Dichterschlacht“ statt, im kommenden Herbst feiert das Format mit der 20. Ausgabe sein 10-jähriges Jubiläum. Gratulation!

Poetry Slam – eine zeitgenössiche Literaturform auch für Jugendliche

2010 entstand der Verein „Spoken Word Biel“ in erster Linie aus dem Anliegen heraus, Poetry Slam-Workshop-Projekte mit Fokus auf Schulen durchzuführen und die Nachwuchsförderung im Kanton Bern zu befeuern. Tina ist überzeugt, dass Slam Poetry als zeitgenössische Literaturform besonders für Jugendliche eine wahrhaftige Chance bietet, die eigene Kreativität und sprechsprachlichen Fähigkeiten kennenzulernen. Als Philologin kenne sie die didaktisch-verstaubte Art zur Genüge, mit der im Deutschunterricht versucht wird, Sprache zu vermitteln. Mit der aktuellen Poetry-Slam-Workshop-Reihe „Slam@School” wird – im Auftrag der Erziehungsdirektion – der Deutschunterricht in 12 Klassen während eines Monats von erfahrenen Poetry Slammern abgehalten. Die SchülerInnen lernen dabei Themen zu finden, eigene Texte zu schreiben und zu performen. „Sie alle profitieren nachhaltig davon, und wenn es nur darum geht, vor einem Publikum aufzutreten. Die dadurch gewonnene Sicherheit, öffentlich zu sprechen (und zu performen) wird ihnen auf ihrem weiteren Ausbildungsweg von grossem Vorteil sein“, ist Tina überzeugt. Zum Label „Spoken Word Biel“ zählen mehrere Veranstaltungsreihen und –formate, darunter auch die „Dichterschlacht“.

Was bringt die Zukunft?

Es gebe einige Ideen für weitere Spoken-Word-Formate, die der Verein gerne realisieren würde, erzählt Tina. Allerdings, sagt sie, laufe man in Biel – vergleichsweise eine Kleinstadt – Gefahr, bei einem zu grossen Angebot die Leute vor den Kopf zu stossen. Abgesehen davon müssten die Veranstaltungen auch finanzierbar bleiben. Daher ist das Motto: Immer mal wieder etwas anderes, aber nie zu viel auf einmal. Eines aber kann Tina Messer bereits verkünden: „Sobald der Chessu umgebaut sein wird, werden wir die Poetry-Slam-Schweizermeisterschaften in Biel ausrichten – inkl. Rahmenprogramm. Ich hoffe, das wird 2019/2020 der Fall sein.“

Start mit einer politischen Note

Auf das erste „Rauschdichten“ dürfen wir bereits gespannt sein, wird dieses doch just am Abend des kommenden Abstimmungssonntags (28. Februar) stattfinden. Daher ist es laut der Veranstalterin gut möglich, dass das Ganze auch eine politische Note haben wird. Wie beim Poetry Slam sind auch beim Rauschdichten den Texten in Form und Inhalt keine Grenzen gesetzt. Tina Messer ist sich sicher, dass beim Rauschdichten neben nachdenklichen oder kritischen Texten jeweils auch der Humor nicht zu kurz kommen wird – gute Unterhaltung also. Wir freuen uns!

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Alle Informationen zum ersten Rauschdichten in Biel findest Du hier! Teile diesen Post und unterstütze „Spoken Word Biel“ dabei den Event zu einem vollen Erfolg zu machen!

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